Allgemeine Psychologie II

Hintergrund

Wird ein Objekt von einem anderen teilweise verdeckt, so erscheint es für den Betrachter meist dennoch als Ganzes. Diese wahrgenommene Vervollständigung wird als amodal bezeichnet, da die ergänzten Bereiche nicht dieselbe visuelle Qualität wie die direkt sichtbaren Bereiche haben; sie erscheinen verdeckt. Amodale Vervollständigung kann die Interpretation einer Szene in vielfacher Hinsicht völlig verändern (z. B. van Lier & Gerbino, 2015).

Projekt 1

Als Verdeckungstäuschung (Palmer, Brooks & Lai, 2007) wird das Phänomen bezeichnet, dass der unverdeckte Teil eines partiell verdeckten Objekts etwas größer erscheint als ein identischer isolierter Reiz, d. h. es entsteht der Eindruck, als wäre das Objekt etwas weniger verdeckt. Man spricht in diesem Fall von einer partiellen modalen Ergänzung. Ziel des Projekts ist es, verschiedene bestehende Erklärungsansätze (Scherzer & Ekroll, 2015; Scherzer & Faul, 2019; Vezzani, 1999) mit Varianten der Verdeckungstäuschung zu prüfen, z. B. mit halbtransparenten Verdeckern oder linienförmigen "Verdeckern".

Projekt 2

Kleidung kann als Verdecker der Haut aufgefasst werden. Es ist deshalb anzunehmen, dass auch beim Betrachten einer bekleideten Person partielle modale Ergänzung auftritt. Eine Pilotstudie deutet jedoch darauf hin, dass der Effekt bei einem relativ eng geschnittenen Kleidungsstück (z. B. einer Hose), das visuell dem Körper der Person zugeschrieben wird, schwächer ist als bei einem Verdecker, bei dem dies nicht der Fall (z. B. bei einem weiten Kleid oder einem vor der Person schwebenden Balken). Ziel des Projekts ist es, partielle modale Ergänzung als Maß für die Zugehörigkeit eines Verdeckers zu einem Zielobjekt zu nutzen und Kriterien abzuleiten, die die Zugehörigkeit zweier Objekte definiert.

Projekt 3

Shimojo und Nakayama (1990) zeigten, dass amodale Vervollständigung die wahrgenommene Richtung von Scheinbewegung entscheidend beeinflussen kann. Die durchgeführten Experimente lassen jedoch einige inhaltliche und methodische Fragen offen und in drei Pilotstudien zwischen 2014 und 2020 konnte der Effekt kein einziges Mal reproduziert werden. Ziel dieses Projekts ist es, Teile der Originalexperimente mit geeigneten Kontrollbedingungen zu replizieren und die Ergebnisse der Originalstudie kritisch zu überprüfen.

Literatur

  • Palmer, S. E., Brooks, J. L. & Lai, K. S. (2007). The occlusion illusion: Partial modal completion or apparent distance? Perception, 36 (5), 650-669. https://doi.org/10.1068/p5694
  • Scherzer, T. R. & Ekroll, V. (2015). Partial motion completion under occlusion: What do modal and amodal percepts represent? Journal of Vision, 15 (1):22, 1-20. https://doi.org/10.1167/15.1.22
  • Scherzer, T. R. & Faul, F. (2019). From Michotte until today: Why the dichotomous classification of modal and amodal completions is inadequate. i-Perception, 10 (3), 1-34. https://doi.org/10.1177/2041669519841639
  • Shimojo, S. & Nakayama, K. (1990). Amodal representation of occluded surfaces: role of invisible stimuli in apparent motion. Perception, 19 (3), 285-299. https://doi.org/10.1068/p190285
  • van Lier, R. J. & Gerbino, W. (2015). Perceptual completions. In J. Wagemans (Hrsg.), Oxford handbook of perceptual organization (S. 294–320). Oxford: Oxford University Press. https://10.1093/oxfordhb/9780199686858.013.040
  • Vezzani, S. (1999). Shrinkage and expansion by amodal completion: A critical review. Perception, 28 (8), 935-947. https://doi.org/10.1068/p280935

Betreuer

Dr. Tom Scherzer